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W&E Infobrief

In welcher Währung wird das Öl bezahlt? Vor einem neuen Währungskrieg?

01.07.2003: Die Währungsgeschichte seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts läßt sich in drei große Etappen einteilen: Der Hegemonie des US-Dollars als einziger Weltwährung während des Fixkurssystems von Bretton Woods bis 1973 folgt die Konkurrenz vieler Währungen im System flexibler Kurse von etwa 1973 bis 1999. Um die Jahrhundertwende wird der Euro etabliert. Dies war ein entscheidender Schritt vom multipolaren zu einem bipolaren Währungssystem. Inzwischen geht es nicht mehr nur um die Vorherrschaft als Handels-, Anlage- und Reservewährung, sondern auch darum, in welcher Währung die Ölrechnung ausgestellt wird. Von Elmar Altvater.

1. Strategische Preise der Weltwirtschaft

Die sichere Energieversorgung ist für die Funktion der modernen, von fossilen Energieträgern abhängigen Ökonomien von zentraler Bedeutung; dies hat die NATO mit ihrem Sicherheitskonzept von 1999 ebenso unterstrichen wie der Report des Vizepräsidenten Cheney zur nationalen Energiestrategie der USA von 2001. Diese schließt die Kontrolle der Territorien der Ölförderung, der Angebotsmengen, der Transportlogistik, des Preises und schließlich der Währung ein, in der der Preis des Öls fakturiert wird. Die Auseinandersetzung darum ist entscheidend für die Kursentwicklung von US-Dollar und Euro.
Es läßt sich zeigen, wie Märkte und imperiale Macht zusammen wirken. Währungspolitik wird inzwischen auch mit Apache und Cruise Missiles gemacht. Es gibt drei strategische Preise in der globalisierten Weltwirtschaft: die Zinssätze, die Wechselkurse und der Ölpreis. Denn die fossilen Energieträger, und darunter in allererster Linie das Öl, halten das gesamte System am Laufen. Selbstverständlich ist auch der Preis der Arbeit zentral, doch die Löhne werden nicht auf globalen Märkten gebildet, sondern im wesentlichen auf nationalen Arbeitsmärkten. Der Preis für den Lebenssaft der modernen industriellen und post-industriellen Systeme ist bislang vornehmlich in Dollar ausgedrückt, und dies hat für die USA immense Vorteile, zumal im Rahmen eines weitreichenden und langfristig angelegten geostrategischen Kalküls, das die Bush-Regierung verfolgt (nachzulesen im Cheney-Report von 2001).

2. Ölversorgung, Ölpreis und Ölwährung

In dieses Kalkül gehen ein: (1) die Kontrolle der Regionen, in denen die Ölressourcen extrahiert werden; (2) die Kontrolle der Angebotsmenge auf den Energiemärkten; (3) die Kontrolle der Transportlogistik und der Routen der Verbringung des Öls aus den Förderländern in die Verbrauchsländer mit Hilfe von Pipelines oder Tankern; (4) die Beeinflussung der Höhe des Preises und (5) die Bestimmung der Währung, in der der Preis fakturiert wird. Um jeden dieser Einflußfaktoren auf die Ölversorgung werden Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft mit dem Ziel geführt, die Energieversorgung zu akzeptablen Preisen langfristig zu gewährleisten.
Die Kontrolle der Fördergebiete ist deshalb so wichtig, weil die Rate der Erschöpfung bekannter Felder seit den 90er Jahren höher als die Rate der neu gefundenen und erschlossenen Felder ist. Die Ausbeutung beträgt derzeit ca. 22 Mrd. Barrel pro Jahr, es werden aber nur im Durchschnitt 6 Mrd. Barrel pro Jahr neu gefunden. Der Höhepunkt der globalen Ölproduktion ist also überschritten; die schönen Zeiten, in denen die Funde neuer Lagerstätten größer waren als die Ausbeute, sind vorüber - und sie kommen niemals wieder.

3. Geoökonomie und militärische Macht

Der Markt der Geoökonomie und die politische und militärische Macht wirken zusammen. Daher können die Konservativen in den USA zugleich neoliberal das Hohelied auf den Markt und die Konkurrenz erschallen lassen und die Kriegstrommeln der Geopolitik und des militärischen "Kampfes gegen den Terrorismus" rühren.
Der Krieg gegen das Taliban-Regime in Afghanistan bot den USA die Gelegenheit, militärisch auch in den zentralasiatischen Ländern und am Kaukasus Fuß zu fassen, nahe an den neuen Ölquellen und in jenen Ländern, durch die in Zukunft Pipelines verlaufen werden (s. W&E 6/2003). Außerdem wird geopolitisch Zentralasien aus dem Einflußbereich Rußlands und Chinas, aber auch Indiens und des Iran herausgehalten. Die "einzige Weltmacht" bemächtigt sich des Zentrums der terristrischen Landmasse, wie Zbigniew Brzezynski schon 1997 der US-Außenpolitik geraten hatte.
Gerade angesichts steigender Nachfrage nach dem schwarzen Stoff, da ja China, Indien und andere Länder bei der Industrialisierung nachziehen wollen - und müssen, wenn sie das Regelwerk der WTO respektieren - ist die Beherrschung von Ölproduktion und Ölmarkt entscheidend. Wer meint, bei der Versorgung mit diesem Treibstoff der Industriegesellschaften würden Marktgesetze mit "unsichtbarer Hand" wirken, ist blind für die sehr sichtbare Hand der politischen und militärischen Macht.
Der Irak ist deshalb für die Geopolitiker in Washington interessant, weil er erstens über 11% der globalen Reserven (noch dazu von hoher Qualität) verfügt, weil er zweitens den geopolitischen Raum Zentralasiens und des Nahen und Mittleren Ostens verbindet, und weil drittens über den Irak die Preispolitik der OPEC durch die neuen Herrscher im Irak beeinflußt werden kann (s. auch W&E 3-4/2003). Die USA haben sich also eine vorzügliche strategische Ausgangsposition bei der Kontrolle von Lagerstätten und Transportrouten von Öl mit Hilfe der Kriege gegen Afghanistan und den Irak verschafft - jedenfalls auf den ersten Blick und wenn das Kalkül der US-Ölstrategen aufgeht. Die OPEC kann als politischer Faktor bei der Bestimmung von Angebotsmenge und Preisgestaltung vergessen werden, wenn das größte Öl-Verbrauchsland, die USA, mit Hilfe des Protektorats im Irak (unterstützt von den devoten Scheichtümern am Golf) mit am Preishebel sitzt.

4. Der Ölpreis wird steigen

Schon während des ersten Golfkriegs wurde sichtbar, daß die reichen Öl- und Sandstaaten infolge des "Recyclings" ihrer Petrodollar starke monetäre Interessen in den Industrieländern (im Immobilienbereich, in der Industrie, in Banken und Fonds) haben, die sie dazu veranlassen, den Ölpreis niedrig zu halten, sofern ein hoher Ölpreis der Rendite, also ihren finanziellen Interessen schaden würde. Ganz andere Interessen haben bevölkerungsreiche Ölländer wie Indonesien, Nigeria oder Algerien und Venezuela, denen die Exporteinnahmen wegbrechen, wenn der Ölpreis sinkt. Sie können dies nicht durch Kapitaleinkünfte aus in den Industrieländern angelegten Petrodollars kompensieren.
Angesichts der zur Neige gehenden Reserven wird ein niedriger Ölpreis allenfalls vorübergehend nostalgische Erinnerungen an die kurze Epoche der billigen Energie erwecken können.
Der Ölpreis wird steigen, jedoch nicht aus ökologischen Gründen, um alternative Energieträger zum Zuge kommen zu lassen. Der Preis des Öls wird erstens nach oben geführt, um die Ausbeutung nicht-konventioneller Ölreserven, vom Ölsand und Ölschiefer bis zum Öl aus der Tiefsee und zu Gaskondensaten rentabel zu gestalten. Ein hoher Ölpreis könnte zweitens auch Voraussetzung für die Rentabilität jener Fördergebiete sein, die hohe Transportkosten aufweisen; Pipelines vom kaspischen Meer und von Kasachstan zu Häfen am Golf, am Mittelmeer oder am Indischen Ozean sind teuer, und die Kosten militärischer Sicherung der Transportwege sind hoch. Nicht nur wegen der größeren Knappheit des Öls steigt der Preis, sondern auch wegen der steigenden Kosten der militärischen Sicherung der Ölfelder, der Trassen von Pipelines und der Routen von Tankern gegen Sabotage oder terroristische Attacken, also aus geostrategischen Gründen. Die Kosten des Bundeswehreinsatzes am Horn von Afrika müßten als Teil der Ölrechnung kalkuliert werden.

5. Von der Währungskonkurrenz zum Währungskrieg

Für die USA wäre die Verteuerung des Öls nicht unbedingt nachteilig. Denn teures Öl würde erstens China und Japan und andere tatsächliche oder potentielle Konkurrenten der USA treffen. Auch das "alte" ebenso wie das "neue" Europa würden die Nachteile des teuren Treibstoffs der industriellen und post-industriellen Gesellschaft spüren. Dies wird aber nur so lange so sein, wie das Öl in US-Dollar fakturiert wird. Dazu bedarf es der Kontrolle eines großen Teils des Angebots auf den globalen Ölmärkten durch die USA. Das möglicherweise ist ein entscheidendes Motiv für die brutale Konsequenz, mit der der Irak unter US-Einfluß gebracht worden ist. Die US-amerikanischen Eliten versprechen sich auch in Zukunft, die Ölrechnung in Dollar begleichen zu können, obwohl der Dollar stark abwertungsverdächtig ist. Die OPEC hat denn auch erwartungsgemäß im Mai beschlossen, auch weiterhin den Ölpreis trotz Dollarschwäche und Eurostärke in US-Dollar zu fakturieren. Die Ansätze Lybiens, Venezuelas, des Irak und anderer Ölförderländer, vom US-Dollar zum Euro zu wechseln, sind stecken geblieben oder militärisch unterbunden worden. Für die USA ist diese Aussicht wie ein schönes Märchen aus Scheherazades Tausend und einer Nacht. Sie bekommen auch weiterhin den Lebenssaft ihrer Ökonomie fast umsonst. Die Druckerei der Federal Reserve verwandelt sich in eine sprudelnde Ölquelle. Dollar können in jeder gewünschten Menge "gedruckt" werden, um das Öl zu importieren. Das Öl wäre sozusagen der Wertanker des US-Dollars - eine multifunktionale Waffe in der Währungskonkurrenz mit dem Euro. Freilich funktioniert dies nur so lange, wie die Petrodollars entweder in den USA rentabel angelegt werden können (solange der US-Dollar also als Anlagewährung attraktiv ist) oder damit US-Waren gekauft werden (die USA also konkurrenzfähig sind, und dies könnte durch eine Abwertung des US-Dollars herbeigeführt werden) oder die Zentralbanken bereit sind, den US-Dollar als Reservewährung zu halten. Dies dürfte aber eher unwahrscheinlich sein, wenn der US-Dollar an Wert verliert.
Denn sollte nach dem kurzen Krieg ein langwieriger Guerillakrieg ausbrechen, der nicht schnell zu Ende gebracht werden kann, und sollte die Herstellung einer stabilen Nachkriegsordnung im Nahen Osten länger dauern oder gar mißlingen, dann kann es auch zu einer Flucht aus dem Dollar und mithin zu dessen Abwertung kommen. Das befürchten auch die ostasiatischen Zentralbanken - China und Japan halten zusammen mehr als 900 Mrd. US-Dollar Devisenreserven - und daher haben sie offensichtlich damit begonnen, vorsichtig ihre Dollar-Reserven in andere Währungen, vor allem den Euro, umzuschichten.
Eine Abwertung des US-Dollars könnte zwar helfen, das Loch in der Leistungsbilanz zu verringern. Aber anders als in den Zeiten der Konkurrenz vieler Währungen, gibt es in Zeiten der währungspolitischen Bipolarität eine Alternative, den Euro. Sollte der US-Dollar in Folge der Abwertung als Handelswährung an Bedeutung verlieren, obendrein als Anlage und Reservewährung weniger attraktiv werden, und dann noch als Ölwährung unter Druck geraten, dann wäre das der Super-Gau jeder US-Regierung. Das Öl würde nicht mehr in Dollar, sondern beispielsweise in Euro fakturiert, oder der Preis würde wie 1973 abrupt steigen, sofern sich den Ölproduzenten eine Gelegenheit wie damals der israelisch-arabische Krieg bietet. Bei dem riesigen Handelsbilanzdefizit der USA würde die Finanzierung von notwendigen Ölimporten in Fremdwährung für die USA ein nahezu unlösbares Problem, denn der größte Teil des Ölverbrauchs in den USA (an die 60%, Tendenz steigend) wird derzeit für jährlich ca. 130 Mrd. Dollar importiert. Bei einem Leistungsbilanzdefizit von 553 Mrd. Dollar im Jahre 2003 hätte die Finanzierung der Ölimporte in Euro gewaltige strukturelle Auswirkungen auf die US-Ökonomie - und auf die Weltwirtschaft insgesamt.
Der Auseinandersetzung um das Erdöl, um die Herrschaft über Reserven, Mengenangebot und die Preisbildung, folgt die Auseinandersetzung um die Währung, in der das Öl fakturiert wird. Die Währungskonkurrenz zwischen Dollar und Euro (und evtl. Yen) würde zum Währungskrieg eskalieren. Der derzeitige Konflikt zwischen "altem" und "neuem" Europa dürfte sich zuspitzen, angeheizt von den USA, die schon heute ihre "Unterstützung für EU-Integration in Frage" stellen (FTD, 11.7.2003). Das "neue" Europa könnte sehr bald so alt aussehen wie die New Economy nach dem Absturz. Es könnte auch sein, daß sich die europäischen Ölförderländer England und Norwegen eher an den Euro halten als an den US-Dollar, und dies würde ebenfalls für die USA eine Niederlage bedeuten. Sie versuchen, diese auf jeden Fall zu verhindern, indem sie eine Politik der Spaltung Europas betreiben, die in einigen europäischen Ländern auf positive Resonanz stößt.

6. Die europäische Alternative

Soll Europa sich auf diesen Währungskrieg einlassen? Besser nicht, denn die Konsequenzen sind für alle Beteiligten negativ, zumal es eine Alternative gibt. Diese heißt: Entwicklung der solaren Energie, zumal diese nicht den Nachteil der fossilen Energieträger haben, daß sie das Klima aufheizen. Dies könnte auch die längerfristige europäische Antwort auf die Herausforderungen eines Währungskriegs um die Ölwährung sein. Wenn nicht in diese Richtung umgesteuert wird, findet nur ein Austausch des Dollar-Imperialismus durch einen wie auch immer gearteten Euro-Imperialismus statt - mit kurzer Halbwertzeit.