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Finanzflüsse zwischen Nord und Süd: Der Süden erneut als Nettokapitalexporteur

01.05.2003: In den letzten Jahren hat das Muster der Finanzbeziehungen zwischen Nord und Süd einen grundlegenden Wandel erfahren. Seit ihrem Höhenflug Mitte der 1990er Jahre haben die verschuldungsrelevanten Finanzflüsse von Nord nach Süd kontinuierlich abgenommen. Auf den internationalen Kredit- und Bondmärkten fand sich die Dritte Welt 2001 und 2002 erneut in der Position des Nettokapitalexporteurs wieder. Die neue Konstellation in den Kapitalbeziehungen zwischen Nord und Süd analysiert Rainer Falk.

Noch Mitte der 90er Jahre beliefen sich die an die Entwicklungsländer vergebenen privaten Bankkredite und die Investitionen nördlicher Geldgeber in staatliche Schuldverschreibungen (Bonds) im Süden auf rund 135 Mrd. US-Dollar pro Jahr. Seither hat das Engagement der privaten Gläubiger stetig abgenommen, bis der private Nettofluss zwischen Nord und Süd schliesslich in den letzten beiden Jahren ins Minus rutschte (s. Tabelle). Dies bedeutet, dass die Schuldnerländer des Südens 2001 fast 25 Mrd. Dollar und 2002 rund 9 Mrd. Dollar mehr an Rück- und Zinszahlungen an nördliche Banken und Investoren zahlten, als sie umgekehrt an neuem Geld erhielten. Schon 1999 und 2000 war die Bilanz nur knapp positiv.

Präzedenzloser Einbruch: Hintergrund dieses fast vollständigen Versiegens der Kreditströme in den Süden sind natürlich die Finanzkrisen der jüngsten Zeit, beginnend mit der Asienkrise 1997/98, über die Russlandkrise, den Niedergang an den globalen Aktienmärkten, bis hin zu den jüngsten Turbulenzen um Lateinamerika. Zurückhaltung der Banken im internationalen Kreditgeschäft hat es schon früher gegeben, doch der aktuelle Einbruch an den Kredit- und Bondmärkten ist historisch gesehen ein durchaus präzedenzloser Vorgang. In der politischen Ökonomie der Finanzbeziehungen zwischen Nord und Süd der letzten Jahrzehnte sind mehrere Einschnitte deutlich erkennbar. So wurde in den 70er Jahren der Vorrang der öffentlichen Kreditvergabe an den Süden durch einen rapiden Anstieg der privaten Kreditverschuldung abgelöst. Die Schuldenkrise in der 80er Jahren verlangsamte diese Tendenz, beendete sie jedoch nicht und mündete in den 90er Jahren in einen erneuten Boom der privaten Verschuldung, diesmal mit dem regionalen Schwerpunkt Ost- und Südostasien.
Hinter dem aktuellen Rückgang verbirgt sich nun ein weiterer fundamentaler Wandel der externen Finanzierungskonstellation des Südens, der zugleich zeigt, wie abhängig die Finanzzuflüsse der Dritten Welt vom ökonomischen Zyklus der entwickelten kapitalistischen Zentren inzwischen geworden sind. Nach allgemeiner Auffassung von Kapitalmarktexperten ist es unwahrscheinlich, dass die schuldenrelevanten Nettofinanzflüsse das hohe Niveau der 90er Jahre in absehbarer Zeit wieder erreichen, selbst wenn die Bilanz im Jahr 2003 wieder leicht positiv ausfallen sollte.
Mit der gehörigen Portion Zynismus, wie sie Weltbankökonomen oftmals eigen ist, liesse sich argumentieren, viele Entwicklungsländer hätten inzwischen gelernt, mit anhaltend hohen Schulden zu leben und diese in Form von Zins- und Rückzahlungen pünktlich zu bedienen. Andererseits weisen die Autoren des jüngsten Reports über Globale Entwicklungsfinanzierung ("Global Development Finance"; s. Hinweis) auch darauf hin, dass die Position des Nettokapitalexporteurs auf den privaten Finanzmärkten kaum mit der Erreichung der Millenniumziele (u.a. Halbierung der Armut bis 2015) vereinbar ist, zumal auch die öffentliche Entwicklungshilfe und Kreditvergabe immer noch vor sich hindümpelt (s. Tabelle). Trotz der vor der Monterrey-Konferenz im März 2002 gemachten Versprechungen der Industrieländer bleibt die öffentliche Hilfe weit hinter den zur Realisierung der Millenniumziele erforderlichen Steigerungsraten zurück.

Kompensation durch Direktinvestitionen? Das Hauptargument in der neuen Ausgabe von Global Development Finance lautet jedoch, der anhaltende Einbruch auf den Kreditmärkten werde relativiert durch die positive Entwicklung beim Zufluss privater Direktinvestitionen (die verschuldungsneutral seien) und zunehmende Überweisungen von Arbeitsmigranten in ihre Heimatländer. Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass auch die Direktinvestitionen im Süden (wie auch weltweit) in den letzten Jahren stagnierend bis rückläufig waren, ganz abgesehen von ihrer traditionell hochgradigen Konzentration auf eine kleine Anzahl von Entwicklungsländern. Die noch in den 90er Jahren als neues Finanzierungsinstrument gefeierten Portfolioinvestitionen haben sich inzwischen als extrem volatil erwiesen und sind ebenfalls seit geraumer Zeit auf dem Rückmarsch. Ein erneuter Boom bei ausländischen Direktinvestitionen ist gegenwärtig ebenso wenig in Sicht wie ein Aufschwung der Weltwirtschaft überhaupt. (Was die Heimatüberweisungen von GastarbeiterInnen betrifft, so weisen Kommentatoren darauf hin, dies zeige, dass arme Menschen, die in reichen Ländern arbeiten, inzwischen mehr zur Entwicklung in ihren Herkunftsländern beitragen als deren reiche Bosse im Norden.)
Dennoch: Das externe Finanzierungsmuster des Südens, das in den 50er und 60er Jahren durch öffentliche Kredite, in den 70er bis 90er Jahren durch private Kreditverschuldung dominiert war, wird inzwischen vorrangig durch Direktinvestitionen aus dem Ausland bestimmt, die mit derzeit rund 150 Mrd. Dollar im Jahresdurchschnitt alle anderen Typen finanzieller Transaktionen in den Schatten stellen. In den Augen des Chefökonomen der Weltbank, Nicholas Stern, ist dies eine positive Entwicklung, da der Wechsel von "Debt" zu "Equity" zeige, dass die Bemühungen der Entwicklungsländer um ein "positives Investitionsklima" in den letzten Jahren weitgehend erfolgreich gewesen seien. Hält man sich noch einmal die Analysen der in den 80er Jahren entwickelten offiziellen Schuldenstrategie vor Augen, so war dies in der Tat eine der zentralen Zielsetzungen.

Neue Agenda? So gesehen könnte man sage, dass das mit den "Reformen" des Washington Consensus verbundene Kalkül in dieser Hinsicht durchaus aufgegangen ist. Solange dies die in den Washingtoner Institutionen vorherrschende Perzeption ist, gibt es freilich auch keinen Grund, kurzfristig auf eine Abkehr von den neoliberalen Dogmen zu hoffen. Kein geringerer als der "Erfinder" des Washington Consensus, John Williamson, hat jetzt in einem neuen Buch (s. Hinweis) klargestellt, dass alle derzeit diskutierten Modifikationen am neoliberalen Grundkurs nicht mit einem Abgehen von den Kernforderungen gegenüber dem Süden verwechselt werden dürfen: "Die neue Agenda", so schreibt Williamson, "weist die Liberalisierungsreformen des Washington Consensus nicht zurück, obwohl Korrekturen im Detail notwendig sein mögen. Im Gegenteil unterstreicht sie die Notwendigkeit, die Liberalisierung in mancherlei Hinsicht weiter voranzutreiben, z.B. in Bezug auf die weitere Flexibilierung der Arbeitsmärkte. Sie erkennt jedoch auch die Notwendigkeit an, diese Reformen durch den Aufbau und die Stärkung der für einen schlanken Staat erforderlichen Institutionen zu ergänzen, damit dieser seine aktivierende und steuernde Rolle in der Marktwirtschaft spielen kann. Ein anderer Punkt ist die Notwendigkeit, die Region (d.h. Lateinamerika; R.F.) weniger krisenanfällig als in der Vergangenheit zu machen. U.a. bedarf es einer grösseren Disziplin in Bezug auf die Verschuldung des öffentlichen Sektors, um den Spielraum für eine antizyklische Fiskalpolitik zu bewahren.
Ein letzter entscheidender Aspekt der politischen Neujustierung besteht - parallel zu höherem Wachstum - im Streben nach einer Verringerung der Einkommensungleichheit. Haushaltpolitische Instrumente (wie die Besteuerung von Eigentum zur Finanzierung regionaler oder lokaler Regierungsaufgaben) können dafür hilfreich sein, müssen jedoch ergänzt werden durch die Versorgung der Armen mit Bildung, Land, Mikrokrediten und Eigentumstiteln, damit diese in die Lage versetzt werden, durch Arbeit der Armut zu entkommen."
Dies sind schöne Formulierungen. Bis heute ist jedoch noch nicht bewiesen worden, dass die Beibehaltung einer beinharten, an den Gewinninteressen von Gläubigern und Investoren orientierten Schuldenstrategie mit dem neuen Fokus der Armutsbekämpfung vereinbar ist.

Hinweise:

  • Pedro-Pablo Kuczynski/John Williamson (eds.), After the Washington Consensus: Restarting Growth and Reform in Latin America, 400 pp., Institute for International Economics: Washington D.C. 2003. Bezug: im Internet über <a title="Externer Link zu www.iie.com/publications/publications.htm (Neues Fenster)" rel="noopener" target="_blank" href="http://www.iie.com/publications/publications.htm">