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Fachkonferenz "Natursteine aus verantwortlichen Lieferketten"

15.09.2020 | Die 1. bundesweite Fachkonferenz für sozial verantwortliche Naturstein-Beschaffung von WEED und der Werkstatt Ökonomie wird aufgrund der aktuellen Lage auf den 15./16.09.2020 verschoben!

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Unterschriftenübergabe: Gesetzlicher Rahmen für Wirtschaft & Menschenrechte

09.09.2020 | Zusammen mit den Bündnispartner*innen der Initiative Lieferkettengesetz haben wir heute mehr als 222.222 Unterschriften für ein verbindliches Lieferkettengesetz an die Minister Schulze und Heil übergeben.

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W&E Infobrief

Sozial-ökologische Beschaffung von Computer & Co

11.03.2013: Artikel: Ansätze zur Vermeidung von Arbeitsrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung bei der Produktion von IT-Hardware

In jüngster Zeit häufen sich wieder Berichte von Arbeiteraufständen in Fabriken in Niedriglohnländern, in denen IKT-Produkte (Informations- und Kommunikationstechnologie) hergestellt werden, oder in Minen, in denen Rohstoffe gefördert werden. Vor zwei Jahren erreichten uns Berichte über zahlreiche Selbstmordfälle in den Fabriken des Apple-Zulieferers Foxconn. All diese Berichte haben einen direkten Zusammenhang zu unserem Kauf von Laptops, Smartphones, Desktops oder anderen IKT-Geräten. Anders als bei Kleidung, Kaffee oder Schokolade gibt es jedoch bislang keine echte Kaufalternative - denn alle Markenhersteller kaufen über die fünf zentralen Hauptzuliefererfirmen (Kontraktfertiger) ein, bei denen Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen begangen werden.

Arbeitsrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung säumen den gesamten Lebensweg eines IKT-Produkts. Dies beginnt schon bei der Rohstoffgewinnung: IKT-Produkte bestehen aus Rohstoffen wie Zinn, Gold, Coltan, Kupfer und Wolfram, bei deren Abbau und Aufbereitung Menschen- und Arbeitsrechte massiv verletzt und die Umwelt verschmutzt wird. Nicht nur die ArbeiterInnen in den Minen selbst sind betroffen, sondern die gesamte Bevölkerung im Abbaugebiet - sei es durch die Verknappung und Verseuchung des Trinkwassers und des Bodens oder durch gezielte Vertreibungen. Darüber hinaus finanziert der Kauf mancher Rohstoffe, wie z. B. Coltan, Gold oder Wolfram aus politischen Konfliktregionen wie der Demokratischen Republik Kongo und den angrenzenden Staaten, den blutigen Kampf der Konfliktparteien.

Der eigentliche Fertigungsprozess findet vorwiegend in Fabriken in Niedriglohnländern statt, in denen die ArbeiterInnen unter prekären Bedingungen arbeiten. Die Probleme in der Computerindustrie variieren nach Standort; weltweit verbreitet sind jedoch die hohe Jobunsicherheit, niedrige Löhne, extensive Arbeitszeiten und unbezahlte Überstunden sowie ein höchst gewerkschaftsfeindliches Verhalten vieler Unternehmen. Die Arbeitsschutzmaßnahmen sind oft unzureichend, obwohl die ArbeiterInnen in der Produktion mit hochgiftigen Stoffen in Kontakt kommen. Da die Arbeitswelt in der IKT-Industrie zudem von einem hohen Anteil an MigrantInnen geprägt ist, deren Aufenthaltsgenehmigung an den Arbeitsvertrag gebunden ist, sind diese ArbeiterInnen besonders leicht auszubeuten.

Schließlich landen viele Materialien auf oft illegalem Wege als Elektroschrott in Indien, Pakistan, China, Ghana oder Nigeria. Hier werden wiederverwendbare Metalle ohne jegliche Schutzvorrichtungen und damit unter höchst gesundheits- und umweltschädlichen Bedingungen von Erwachsenen wie auch von Kindern aus den Schrottgeräten herausgeklopft oder -geschmolzen. Denn obwohl die fachgerechte Entsorgung von IKT-Produkten gesetzlich geregelt ist (in Deutschland im Elektrogesetz von 2005), bietet die fehlende rechtliche Abgrenzung ein Schlupfloch, um Elektroschrott als Secondhand-Ware deklariert über entsprechende Kanäle in Entwicklungsländer zu exportieren. Die Auswirkungen kann man eindrucksvoll in Filmen wie "Where does E-waste end up?" oder "Die Kinder von Toxic City" (zu sehen auf www.youtube.com) verfolgen.

Schritte zur einer sozialen und ökologischen IKT-Beschaffung

Relativ einfach ist beim Kauf von IKT-Produkten die Berücksichtigung ökologischer Kriterien. Hier liefern Umweltzertifikate, wie z.B. der Blaue Engel, eine Orientierung. Als wichtigstes ökologisches Kriterium gilt jedoch gerade nicht der Stromverbrauch des Endgeräts, auf das wir als VerbraucherInnen gern achten: Eine neue Studie des Umweltbundesamtes zeigt auf, dass der Umweltaufwand bei der Herstellung eines Notebooks so hoch ist, dass er sich durch eine erhöhte Energieeffizienz in der Nutzung nicht in realistischen und realisierbaren Zeiträumen ausgleichen lässt. Ein umweltverträglicher Einkauf muss daher insbesondere die Verlängerung der Produktlebensdauer im Fokus haben (z. B. Vereinbarung von Ersatzteilverfügbarkeit, Hardware-Upgrade, Verlängerung der Produktgarantie). Bei der Entsorgung sollte schließlich unbedingt darauf geachtet werden, dass Altgeräte an zuverlässige Entsorger überlassen werden.

Bislang ist hingegen noch kein "fairer" Computer auf dem Markt, und die Markenunternehmen verweigern sich bislang der Gründung einer nachhaltigen Multi-Stakeholder-Initiative. Zwar unterscheidet sich die Rhetorik von Hewlett Packard von der Rhetorik Fujitsus. Jedoch rollen die Computer beider Markenunternehmen teilweise vom Fließband desselben Zulieferunternehmens. Eine Kaufempfehlung kann auf dieser Grundlage bislang nicht ausgesprochen werden (eine Ausnahme gilt für die "fast-faire" PC-Maus von www.nager-it.de). Gerade wegen dieser aussichtslos scheinenden Situation können Großeinkäuferinnen wie die Kirchen bei der Verbesserung der Bedingungen auf diesem Sektor eine Schlüsselrolle spielen. In Deutschland kaufen die Kirchen IKT-Produkte mit einem enormen Gesamtbetrag ein, dies oft mit mehrjährigen Rahmenverträgen oder zu hohen Einkaufsvolumina pro Ausschreibung. Damit verfügen sie über eine enorme Marktmacht, die sie sozial verantwortlich einsetzen können und sollten.

Die ILO-Kernarbeitsnormen sind dabei eine wichtige Referenz, um Verbesserungen der Herstellungsbedingungen in der Computerindustrie zu erreichen. In der Produktion spielen insbesondere die Forderungen der ILO-Kernarbeitsnormen nach Vereinigungsfreiheit, dem Recht auf Kollektivverhandlungen und dem Verbot von Diskriminierung eine zentrale Rolle. Im Rahmen von Rohstoffabbau und -entsorgung ist zudem das Verbot ausbeuterischer Kinderarbeit sehr relevant. Darüber hinaus sollte die Einhaltung weiterer ILO-Konventionen gefordert werden (u. a. Recht auf existenzsichernde Löhne, Recht auf sichere und gesunde Arbeitsbedingungen, Einhaltung der maximalen Anzahl von Arbeitsstunden, Recht auf Arbeitsplatzsicherheit, Recht auf Aushändigung eines Arbeitsvertrages).

Doch wie fordert man diese sozialen Bedingungen, wenn es noch kein IKT-Produkt gibt, das diese Kriterien erfüllt? Bei öffentlichen Ausschreibungen kann im Rahmen der Auftragsausführungsbedingungen von den Bietern die Umsetzung zielführender Maßnahmen gefordert werden, die für den Auftraggeber überprüfbar sind und praktischerweise mit einer entsprechenden Berichtspflicht des Bieters verbunden werden sollten. Dies kann z. B. eine möglichst weitreichende Transparenz der Lieferkette, die Aushändigung von Arbeitsverträgen und den nationalen Arbeitsgesetzen an die ArbeiterInnen, eine Schulung des Managements zu den geforderten sozialen Rechten, die Durchführung von Arbeitsrechtstrainings oder im besten Falle eine unabhängige Beschwerdestelle sein.

In Schweden gibt es außerdem Ansätze, den dort bewährten Fragenkatalog zur Verlaufskontrolle auch beim IKT-Einkauf einzusetzen: Der Bieter, der den Zuschlag erhalten hat, ist verpflichtet, geraume Zeit nach Vertragsunterzeichnung diesen Fragenkatalog auszufüllen. Mithilfe eines Auswertungsbogens nach dem Ampelsystem (rot - gelb - grün) können die Behörden dann ermitteln, ob der Vertragspartner die vereinbarten sozialen Kriterien eingehalten hat. Die schwedischen Bezirksgemeinden schließen bei denjenigen Vertragspartnern, deren Antworten nicht zufriedenstellend sind, an dieses Verfahren sogar ein externes Auditing vor Ort an.

Nicht jedes soziale Kriterium kann zum heutigen Zeitpunkt schon bei der Kaufentscheidung berücksichtigt werden. Aber es sollte schon jetzt gegenüber Bietern und Distributoren beim Kauf angesprochen werden, da nur so schrittweise eine Veränderung angestoßen werden kann. Wie es ein Einkäufer in Bremen treffend formulierte: "Wir können ja nicht heute sagen, wir machen es nicht, weil wir in 20 Jahren immer noch nicht so weit sind. In 20 Jahren fragen wir uns dann, warum sind wir es nicht angegangen; dann wären wir schon einen Schritt weiter."
Annelie Evermann, Referentin für nachhaltige Beschaffung, WEED e.V.

(Erstveröffentlichung des Artikels in CiR, Werkmappe: "Wie fair kauft meine Kirche?")

Weitere Informationen im Internet: www.pcglobal.org

www.makeitfair.org

www.good-electronics.org

www.nager-it.de (Verkauf von "fast-fairen" Mäusen)

www.greenpeace.org/international/en/multimedia/videos/Where-does-e-waste-end-up (Film: "Where does E-waste end up? ")