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SAVE THE DATE: 5. Fachkonferenz für sozial verantwortliche IT-Beschaffung am 22./23. Mai 2017

22.05.2017 | Konferenz am 22./23. Mai 2017 im ZDF-Konferenzzentrum Mainz

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W&E Infobrief

Spekulation untergräbt Recht auf Nahrung

06.11.2008: Spekulation mit Futures an den Nahrungsmittelbörsen ist eine der Ursachen für exzessive Preissteigerungen und Preisvolatilität.

Peter Wahl

"Spekulanten bilden die Blase, die über allem liegt. Mit ihren Erwartungen, ihren Wetten auf die Zukunft treiben sie die Preise, und ihre Geschäfte verzerren die Preise, vor allem im Rohstoffbereich. Und das ist so, als ob man in einer Hungerkrise heimlich Lebensmittel hortete, um mit den steigenden Preisen Profite zu machen." George Soros[1]

Hungerrevolte in Haiti! Brotaufstand in Kamerun! Diese und ähnliche Schlagzeilen gingen im Frühjahr 2008 durch die internationale Presse. Was war geschehen? Die Nahrungsmittelpreise waren weltweit drastisch gestiegen. Der Nahrungsmittelpreis-index der FAO, der die Preise der wichtigsten Nahrungsmittel zusammenfasst, weist in den 15 Monaten zwischen Ende 2006 und März 2008 eine Preissteigerung von 71% auf. Besonders dramatisch war die Steigerung bei Reis und Getreide, wo die Preise in diesem Zeitraum um 126% in die Höhe schossen.[2]
Am härtesten trifft dies die Armen. Während in einem typischen Haushalt in einem Industrieland der Anteil der Ausgaben für Ernährung 10%-20% beträgt, liegt er in den LDCs zwischen 60% und 80%.[3] Einer Berechnung des US Landwirtschaftsministeriums zufolge führt eine Preissteigerung bei Grundnahrungsmitteln um 50% in einem Haushalt eines Landes mit hohem Einkommen zu Mehrausgaben von lediglich 6%. In einem Lebensmittel importierenden Land mit niedrigem Einkommen sind es 21%.[4]
Die Weltbank prognostiziert dementsprechend eine Zunahme der Armut als Folge der Preissteigerungen bei Lebensmitteln: "Vorläufige Schätzungen lassen vermuten, dass bis zu 105 Millionen Menschen infolge steigender Nahrungsmittelpreise in Armut geraten."[5] 34 Länder benötigen lt. FAO Hilfe, um die Preissteigerungen aufzufangen.[6]
Darüber hinaus hat die Preissteigerung negative makroökonomische Effekte: die Zahlungsbilanz der Nahrungsmittelimporteure verschlechtert sich. Die FAO schätzt, dass die Lebensmittelrechnung der LDCs 2008 noch einmal um 37%-40% wachsen wird, nachdem sie bereits 2007 um 30%-37% gestiegen war.[7] Im Vergleich zu 2000 bedeutet das eine Vervierfachung. Damit wächst auch wieder die Verschuldungsgefahr. Außerdem heizen die Preissteigerungen die Inflation an. Nach UN-Schätzungen sind sie für ein Drittel bis zu über einer Hälfte verantwortlich für die nominale Inflationsrate in Entwicklungsländern, insbesondere in Asien.[8]
Die Preisexzesse sind eine Bedrohung der Lebensmittelsicherheit und damit eines der grundlegenden Menschenrechte: das Recht auf Freiheit von Hunger und Unterernährung. Sie sind eine schwere Belastung für viele Entwicklungsökonomien. Wer bis dahin noch Hoffnungen auf die Erreichung der Millenniums Entwicklungsziele hatte, kann sich davon jetzt endgültig verabschieden.
Aber es gibt auch Profiteure am Elend. Im Mai 2008 konnte man sich in Frankfurter Bäckereien seine Brötchen in Tüten mit folgender Reklame einpacken lassen: "Freuen Sie sich über steigende Preise? Alle Welt spricht über Rohstoffe - mit dem Agriculture Euro Fond haben Sie die Möglichkeit, an der Wertentwicklung von sieben der wichtigsten Agrarrohstoffe zu partizipieren." Das Angebot stammt von der Deutschen Bank, die damit Kunden für einen ihrer Investment Fonds gewinnen wollte. Und wie funktioniert die Partizipation an der "Wertentwicklung" von Rohstoffen? Durch Spekulation.
Spekulation - eine der Ursachen für Preiserhöhungen
Die Ursachen für die Preissteigerungen bei Agrarrohstoffen sind komplex. Es gibt nicht den einen Faktor, der alles erklären würde. Stattdessen gibt es:
• langfristig wirkende Tendenzen, wie die steigende Nachfrage, vorwiegend durch den ökonomischen Aufstieg von Schwellenländern;
• gleichzeitig stagniert in zahlreichen Entwicklungsländern die landwirtschaftliche Produktivität. Unterinvestition und Strukturanpassungsprogramme, die den Vorrang von Exportorientierung vor Nahrungsmittelsicherheit erzwungen haben, spielen dabei ebenso eine Rolle wie Liberalisierungsdruck durch WTO und bilaterale Handelsabkommen oder Rückgang der ODA für Agrarförderung um die Hälfte zwischen den 80ern und heute.[9]
• Ein weiterer, langfristiger Faktor ist die rasant zunehmende Produktion von Biotreibstoffen, die landwirtschaftliche Nutzflächen absorbiert, sowie
• der Abbau von Vorratslagern in vielen Ländern. Allerdings erklären all diese langfristigen Faktoren nicht den abrupten und extremen Anstieg innerhalb eines Jahres. Es kommen kurzfristige Momente dazu, darunter:
• der Anstieg des Ölpreises 2007/2008 und der Düngemittelpreise;
• schlechte Ernten 2006 und 2007 in Australien, einem der größten Getreideexporteure der Welt;
• der Verfall des Dollarkurses;
• Exportbeschränkungen für Lebensmittel durch Regierungen, die die Eigenversorgung sicherstellen wollen. Diese gut gemeinte Maßnahme trägt zur Verknappung des Angebots auf dem Weltmarkt und damit zur Preissteigerung bei.
Und schließlich Spekulation. Sie ist, wie wir sehen, nicht die einzige, aber doch eine der relevanten Komponenten, die an den Preissteigerungen beteiligt ist.
Angesichts der existentiellen Bedrohung von Millionen und Abermillionen von Menschen, die sich das tägliche Brot nicht mehr leisten können, ist daher ein komplexes Paket von Gegenmaßnahmen notwendig, mit dem alle preistreibenden Faktoren bearbeitet werden. Dabei gilt für Maßnahmen gegen die Spekulation eine besondere Verantwortung der Industrieländer. Denn während bei der langfristig steigenden Nachfrage oder auch beim Anbau von Biofuel in Brasilien kaum Eingriffsmöglichkeiten bestehen, kann bei der Spekulation direkt eingegriffen werden. Sie findet an den Rohstoffbörsen der Industrieländer statt und dort bestehen auch die Instrumentarien sie zu regulieren. So haben z.B. sowohl Großbritannien als auch die USA am 18. September 2008 einen bestimmten Typus von spekulativen Geschäften, die sog. Leerverkäufe verboten[10](s. ausführliche weiter unten). Dies war Teil des Krisenmanagements angesichts des Finanzcrashs. Wenn die Finanzkrise ein Grund ist, dieses Instrumentarium einzusetzen, dann ist die existentielle Bedrohung von Millionen von Menschen in den Entwicklungsländern dies schon lange.
Dass Spekulation überhaupt ein Faktor für die Preistreiberei ist, wird inzwischen selbst im Mainstream nicht mehr bestritten. So führt das BMZ schon im April 2008 Spekulation als einer der Gründe für die hohen Lebensmittelpreise an: "Die internationalen Kapitalmärkte sind auf der Suche nach lukrativen und relativ zukunftssicheren Anlagemöglichkeiten wieder auf die Agrarmärkte aufmerksam geworden. Dies sorgt für mehr Volatilität, insbesondere, wenn Akteure einsteigen, die stark spekulativ agieren."[11] Die UNCTAD identifiziert ebenfalls Spekulation als ein Faktor für die Blase bei den Preisen für Agrarrohstoffe.[12] Auch die Weltbank erkennt inzwischen an, dass Spekulation mitverantwortlich für die Preissteigerungen ist, auch wenn sie das für einen nachgeordneten Faktor hält.[13] Und selbst der IWF kann die Fakten nicht mehr ignorieren, auch wenn er sehr wolkig formuliert: "Reine Finanzfaktoren, einschließlich die Stimmung auf den Märkten können kurzfristige Effekte auf die Preise für Öl und andere Rohstoffe haben."[14]
Sehr klar dagegen äußert sich die US-Aufsichtsbehörde für den Handel mit Rohstoffderivaten, CFTC (Commodity Futures Trading Commission), die wohl über die beste Expertise für die US-amerikanischen Märkte hat: "Die Rohstoffmärkte haben begonnen, statt einfach nur Angebots- und Nachfragefaktoren zu bepreisen, Rohstoffpreise als einen Vermögenswert zu bepreisen. Damit haben sie eine Preisverzerrung geschaffen oder vielleicht sogar eine Blase"[15] Im Klartext:
• Der Rohstoffmarkt hat sich von den Fundamentaldaten der Wirtschaft gelöst,
• die Rohstoffpreise, wie sie sich in den Futures manifestieren, sind eine Quelle zur Anhäufung von Geldvermögen geworden,
• die Preise sind damit zum Gegenstand von Spekulation geworden,
• sie haben eine Blase, nämlich die überhöhten Nahrungsmittelpreise hervorgebracht, d.h., auf die realwirtschaftlich bedingten Preiserhöhungen hat die Spekulation noch einmal eine Preisblase draufgesetzt.

Was ist Spekulation?
Glaubte man Wikipedia, so bedeutet Spekulation "kurzfristige Investitionen, die aufgrund höherer Risiken meist eine höhere Rendite haben (lat. speculor: ich erspähe)." Investitionen, wenn auch kurzfristige, wären demnach Spekulation. Das würde bedeuten, dass auch ein Würstchenverkäufer, der bei einem Open Air Konzert seine Bratwurst verkaufen will, ein Spekulant ist. Die "höheren Risiken" bestehen hier darin, dass es regnen kann und weniger Leute kommen, als wenn die Veranstaltung im Saal stattfindet. Kurzfristig ist das Geschäft auch, denn kurzfristig ist als Laufzeit eines Geschäfts von bis zu sieben Tagen definiert. Was ist dann, abgesehen von den Größenordnungen der Unterschied zwischen George Soros und dem Würstchenverkäufer?
Investition und Spekulation unterscheiden sich in mehr als ihrem Zeithorizont. Entscheidender Unterschied ist, dass dem Gewinn aus einer Investition ein realwirtschaftlicher, materieller Prozess zugrunde liegt. Spekulation dagegen bezieht sich auf die zukünftige Entwicklung eines Preises, ohne Verbindung zu den ihnen zugrunde liegenden realwirtschaftlichen Vorgängen, wie die Produktion von Gütern, Dienstleistungen oder deren Handel.
Auf das o.a. Beispiel angewendet: der Würstchenverkäufer besorgt die Würstchen, transportiert sie. Dann werden sie gebraten und verkauft. Ein realwirtschaftlicher, Prozess. Der Gewinn des Würstchenverkäufers, d.h. die Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis, wird in diesem und durch diesen Zyklus realisiert. Der Würstchenverkäufer verhält sich als Investor.
Ein Spekulant dagegen würde darauf warten, dass es regnet und dem Würstchenverkäufer dann seine Ware zum halben Preis abkaufen. Dabei hat er die Erwartung, dass tags darauf bei einem Straßenfest schönes Wetter ist und daher viele Leute die Bratwurst nachfragen, die er dann zum dreifachen Einkaufspreis losschlagen kann. Der außerordentliche Gewinn resultiert hier nicht aus dem realwirtschaftlichen Zyklus, den sog. Fundamentaldaten (fundamentals), sondern aus einem dem realwirtschaftlichen Prozess äußerlichen Faktor, der die Preise verändert. In einem Handbuch der größten Börse für agrarische Rohstoffe der Chicago Mercantile Exchange (CME) wird das so formuliert: "Spekulanten haben nicht die Absicht, die Ware zu liefern oder zu nehmen. Sie habe sogar keinerlei Verbindung mit der Produktion oder dem Gebrauch einer Ware. Sie kommen auf den Markt, weil sie erwarten, dass die Preise sich ändern."[16]

Wie funktioniert Nahrungsmittelspekulation?
Die Spekulation auf den Nahrungsmittelmärkten ist nicht neu. Schon im 17. Jahrhundert haben Spekulanten die Ernten von japanischen Reisbauern aufgekauft, noch bevor sie ausgebracht war. Das ursprüngliche Motiv war dabei das der Absicherung, quasi eine Versicherung (engl.: hedging). Die Logik ist folgende: ein Bauer vereinbart im Januar mit einem Spekulanten, dass dieser die Ernte im August zu einem festen Preis abnimmt. Das Geschäft legen sie in einem Vertrag fest. Solche Verträge bezeichnet man als Derivat (lat.: von etwas anderem herkommend, abgeleitet). Und da es ein Vertrag ist, der sich auf ein Geschäft bezieht, das sich erst in der Zukunft materialisiert, heißt dieses Derivat Future.[17]
Für den Bauer besteht der Vorteil des Futures darin, dass er mit einem festen Preis kalkulieren kann und damit Sicherheit bekommt. Er hat das Risiko an den Spekulanten übertragen. Sicherheit gibt es aber nicht umsonst. Zum einen muss der Bauer eine Gebühr für das Derivat bezahlen. Zum anderen wird der Derivateverkäufer im August versuchen, dem Müller, der die Ernte dann tatsächlich kauft, um Mehl daraus zu mahlen, ebenfalls einen entsprechenden Future zu verkaufen. Das schafft auch für den Müller Planungssicherheit.
Für den Endpreis der Ernte bedeutet das, dass dieser höher ist, als wenn unter den gleichen Bedingungen der Bauer direkt an den Müller verkauft hätte, denn die Risikoprämie des Derivatehändlers geht zwei Mal in den Preis ein.
Allerdings, ohne Future hätte der Bauer das Risiko einer zukünftigen Preisschwankung selbst tragen müssen. Wenn eine Ernte gut ausfällt, das Angebot also groß ist, sinken die Preise. Ohne Future hätte der Bauer weniger erlöst als mit. Der Derivatehändler macht dann Verlust. Umgekehrt hätte der Bauer ohne Future und bei knappem Angebot (und folglich steigenden Preisen) mehr bekommen als mit dem Future. Diesen Gewinn schöpft jetzt der Spekulant ab.
Bei Fälligkeit der Futures nimmt der Derivatehändler in der Regel nicht wirklich die Ware an sich. Er hat ja gleichzeitig den Kontrakt mit dem Müller, den er jetzt als Gegengeschäft einlöst (glatt stellen). D.h. materiell geht die Ernte direkt vom Bauer zum Müller. Wie im Beispiel des Würstchenspekulanten hat der Spekulant mit dem materiellen Vorgang nichts zu tun. Sein Gewinn (oder Verlust) ergibt sich aus der Differenz des Preises bei Abschluss des Vertrags und dem Marktpreis bei Fälligkeit des Futures.
Gleichzeitig reduziert sich mit dem Gegengeschäft das Risiko des Spekulanten. Da ihm der Müller auf alle Fälle einen festen Preis für die Ernte bezahlt, erstreckt es sich nur noch auf die Preisdifferenz zwischen den beiden Futures.
Unter Bedingungen einer Marktwirtschaft und ihren Unwägbarkeiten besitzt dieses System durchaus seine Rationalität. Vor allem dann, wenn die Spekulanten den Markt gut kennen, und damit ihr Risiko einigermaßen vorausberechnen können. Die Preise der Futures liegen zwar etwas über jenen des direkten Handels (als Kassa- oder Spotmarkt bezeichnet) aber insgesamt sind die Märkte stabil, wenn nichts Außergewöhnliches geschieht. Und die Profite, die Spekulanten darin erzielen können, bzw. die Verluste die sie machen, halten sich in Grenzen. Aus all diesen Gründen wird dieses System oft auch als "gute", oder "nützliche" Spekulation bezeichnet. Die CFTC bezeichnet diese Händler als "hedgers", im Gegensatz zu den "speculators" (s. u.).
Das heißt nicht, dass es keine Alternativen zu dieser Variante von Spekulation gäbe. So ließe sich die Versicherungsfunktion und Planbarkeit auch mit anderen Instrumenten erreichen, z.B. eine Produzenten- und/oder Konsumentenversicherung (mutual insurance) oder durch staatliche Preisgarantien. Wenn diese gut funktionieren, sind sie auch effizienter als der Derivatehandel.

Die spekulative Blase
Neben dem direkten Handel, dem Kassageschäft bzw. Spotmarkt[18]ist die geschilderte "gute" Spekulation schon seit dem 19. Jahrhundert das tägliche Routinegeschäft an den Lebensmittelbörsen. Die Händler sind etablierte Kenner des Marktes. Ihre Aktivitäten gehen zwar in die Preisbildung ein, aber insgesamt wird die Preisbildung im Großen und Ganzen von den realwirtschaftlichen Fundamentaldaten bestimmt, angefangen von der Qualität der Produkte, Transportkosten, bis zum Vorhandensein von Vorräten.
Allerdings kommt im Fall der jüngsten Preissteigerungen nun ein anderer spekulativer Faktor hinzu: Die Subprime-Krise in den USA hat zu schweren Einbrüchen in einigen Märkten geführt, zuerst den Hypothekenmärkten, dann den Kreditmärkten. Bei sog. strukturierten Produkten oder Zertifikaten, z.B. den Collateral Debt Obligations (CDOs),[19]ist er sogar völlig zusammengebrochen. Wer größere Mengen dieser Derivate gekauft hatte, bekam jetzt Probleme. Große Investmentbanken in den USA aber auch Banken im Ausland wie die Schweizer USB, die Deutsche Bank und die Société Générale, hatten jeweils Verluste in zweistelliger Milliardenhöhe. Andere gingen Bankrott wie Lehmann Brothers, oder mussten verkauft werden, wie Bear Stearns, Merrill Lynch, die Sächsische Landesbank oder die IKB. Die schottische Northern Rock und die beiden US-Hypothekengiganten Fanny Mae und Freddy Mac wurden sowie der weltweit größte Versicherer, die US-amerikanische AIG wurden verstaatlicht. Die Hypothekenkrise wuchs in eine Kredit und Bankenkrise hinüber. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Manuskripts[20]hatte sich der Crash zur schwersten Erschütterung der Finanzmärkte ausgewachsen: Das Ende ist noch nicht abzusehen, und vor allem das massive Übergreifen auf die Realwirtschaft steht noch bevor.
Auch viele Hedgefonds sowie Versicherungen hatten mit CDOs und anderen Derivaten spekuliert, vor allem mit jener Kategorie, die besonders viel Subprime-Anteile besaß und daher extrem risikoreich war, dafür aber zunächst besonders hohe Renditen abwarfen. Durch den Zusammenbruch dieser Märkte gingen den Fonds diese Profitmöglichkeiten verloren.
Verschärft wurde die Situation durch die allgemeine Kredit- und Bankenkrise, in die die Hypothekenkrise hinübergewachsen ist. Auch hier sind Hedgefonds in besonderer Weise betroffen, da es zum Kern ihres Geschäftsmodells gehört, hebelverstärkt zu arbeiten. Das bedeutet, dass sie für ihre Operationen große Mengen Fremdkapital aufnehmen, bis zum 30 bis 40fachen des Eigenkapitals.
In dem Maße wie spekulative Geschäfte im Finanzsektor unmöglich wurden - zuerst durch die Hypotheken- dann die Kreditkrise - suchten die Institutionellen Investoren angestrengt nach neuen Märkten und warfen sich jetzt auf die Rohstoffmärkte, in erster Linie Erdöl, aber auch agrarische Rohstoff. Hier schließt sich der Kreis zu der oben vorgestellten Brötchentüte. Die "Möglichkeit, an der Wertentwicklung von sieben der wichtigsten Agrarrohstoffe zu partizipieren" beruht auf dem einstieg dieses Fonds der deutschen Bank in die Nahrungsmittelspekulation. In der Erwartung, dass die Preise weiter steigen werden, Titel gekauft, um sie später wieder mit Profit veräußern zu können.
Die Hinwendung der Institutionellen Investoren zu den Rohstoffmärkten hatte Konsequenzen für die Preisentwicklung. Die Nachfrage nach Futures stieg schlagartig an. Es waren nicht mehr nur die an den Rohstoffbörsen etablierten Händler, die mit Derivaten handelten, sondern die renditesuchenden Hedgefonds und andere Institutionelle Investoren.
2007 wuchs der Handel mit landwirtschaftlichen Futures und Optionsscheinen bei Energie um 28,6% und bei Industriemetallen um 29,7%. Am stärksten aber war der Anstieg bei Landwirtschaftsderivaten, wo der Zuwachs knapp ein Drittel (32%) betrug.[21] Gleichzeitig stieg zwischen Juni 2005 und Juni 2007 der Wert von Rohstoffderivaten, die Over the Counter (OTC)[22] gehandelt wurden um nahezu 160%[23]. An der CME in Chicago, stieg die Anzahl der Kontrakte zwischen Oktober 2007 und Ende März 2008 um 65%,[24] ohne dass sich die reale Produktion deswegen erhöht hätte.
Jetzt bildete sich eine spekulative Blase. D.h. unabhängig von den Fundamentals stieg der Preis noch einmal zusätzlich, weil die Institutionellen Investoren auf den Markt drängten.
Der Preisanstieg bei Derivate zog wiederum einen Anstieg der Kassapreise nach sich. Denn, zum einen haben Käufer auf den Spotmärkten mehr auf Vorrat gekauft, um weiteren Preissteigerungen zuvorzukommen. Das erhöht die Nachfrage und erzeugt Preisdruck nach oben. Zum anderen haben Verkäufer in der Erwartung höhere Preise mit dem Verkauf gewartet und damit das Angebot verknappt. Die Spekulation der Hedgefonds u.a. hat also eine ganze Kette spekulativen Verhaltens bei anderen Akteuren in Gang gesetzt.

Indirekter Anteil von Spekulation
Bei alle dem ist zu berücksichtigen, dass Spekulation nicht nur direkt an den Nahrungsmittelbörsen eine Rolle spielt, sondern auch indirekt über den Ölpreis. Der Ölpreis ist ein strategischer Preis, d.h. er geht in die Preise aller anderen Produkte ein, an deren Produktion und Vertrieb Öl als Treibstoff beteiligt ist, also auch landwirtschaftliche Produkte. Für deren Produktion werden Traktoren u.a. Maschinen eingesetzt, die Benzin benötigen, und für ihren Transport zum Endverbraucher wird ebenfalls Treibstoff gebraucht. Ähnliches gilt für Düngemittel. Für die Ölpreisentwicklung gilt aber ebenfalls, dass sie zu einem beträchtlichen Teil durch Spekulation bestimmt wird.
Indirekt ist Spekulation auch über den Dollarkurs an den Nahrungsmittelpreissteigerungen beteiligt. Der internationale Handel wird zum größten Teil in Dollar fakturiert. Der Finanzcrash hat zu einem Kursverlust des Dollars geführt. Wenn der Dollarkurs fällt, sinken aber auch die Exporteinnahmen der Lebensmittelproduzenten (außer denen der USA). Das kompensieren die Produzenten durch Preiserhöhungen.

Höhe der spekulationsbedingten Preissteigerungen
Die Höhe des Anteils der Spekulation an den Preissteigerungen ist aus mehreren Gründen schwer zu bestimmen. Das gilt auch für die anderen Faktoren, die an der Preisbildung beteiligt sind. So unterscheiden die Statistiken nicht zwischen den etablierten Händlern und den neu dazu gekommenen Spekulanten. Hedgefonds operieren völlig intransparent und haben ihren juristischen Sitz in der Regel in Offshore Zentren und Steuerparadiesen, wo sie keiner Aufsicht unterliegen. Auch die OTC gehandelten Derivate sind eine unkalkulierbare Größe, wie der Crash des Investmentbanking im September 2008 zeigt. Daher ist selbst der US-Senat auf Schätzungen angewiesen: "Obwohl es schwierig ist, die Auswirkungen von Spekulation auf Prise zu quantifizieren. Gibt es handfeste Anhaltspunkte, dass das große Ausmaß an Spekulation auf dem Markt beträchtlich zu den Preissteigerungen beigetragen hat."[25] Für den Ölpreis geht der US-Senat von einem Spekulationsanteil von 20% - 25% aus.
Für die Preisbildung bei Nahrungsmitteln wären zudem noch die indirekten Faktoren Ölpreis und die kompensatorischen Preissteigerungen wegen des Dollarkursverfalls einzurechnen.
Ein gewisser Anhalt für den quantitativen Anteil der Spekulation ergibt sich im Nachhinein, wenn die Preise wieder fallen. Das ist bei fast allen Rohstoffen, incl. Öl und Nahrungsmittel seit dem Höhepunkt im Juli/August 2008 wieder geschehen. Der Ölpreis z.B. war nach dem absoluten Hoch von 145 Dollar pro Barrel Anfang Juli 2008 am 16. September wieder auf 87 Dollar gefallen. [26] Ein Rückgang um ein Drittel. Langfristige Faktoren, wie Peak Oil, steigende Nachfrage der Emerging Markets und Biofuel können darauf keinen Einfluss haben. Auch der Rückgang des Verbrauchs und eine leichte Produktionssteigerung durch Saudi Arabien können nicht eine so drastische Preissenkung bewirkt haben. Der Löwenanteil der Schwankungen entfällt also auf Spekulation.
Denn spekuliert wird nicht nur auf steigende Preise sondern auch auf fallende.

Spekulation auf fallende Preise
Wie funktioniert das:
- Erste Phase: Ich schließe am 1. September Over the Counter einen Kontrakt (Forward) ab, mit dem ich das Recht auf den Verkauf von zehntausend Tonnen Reis zum aktuellen Tagespreis, d.h. 1.000 Dollar pro Tonne für einen Monat später (1. Oktober) erwerbe. Preis des Forward: 0,1% des Nennwerts des zugrundeliegenden Geschäfts (underlying), also 100.000 Dollar.
- Zweite Phase: Im September sinkt der Preis des Reis’ um 20%.
- Dritte Phase: Ich erwerbe am 1. Oktober (auf dem Spotmarkt oder im Normalfall wiederum mit einem anderen Derivat) zehntausend Tonnen Reis zum Tagespreis, also 800 Dollar pro Tonne. Gesamtpreis: 8 Mio. Dollar.
- Vierter Schritt: Danach veräußere die billiger erworbenen tausend Tonnen an den Händler, von dem ich meinen Forward im Vormonat gekauft habe, zu dem vereinbarten Preis von 10 Mio. Dollar. Bruttogewinn: 1,9 Mio. Dollar.
Man nennt diese Form der Spekulation Leerverkauf (engl.: short selling), weil ich zum Zeitpunkt des Verkaufs, das Produkt noch nicht besitze, sondern darauf spekuliere, es erst zum Zeitpunkt der Fälligkeit billig zu erwerben. Eine Variante des Leerverkaufs mit Aktien besteht darin, dass die Aktien, auf deren Verfall spekuliert wird, geliehen und auf den Markt geworfen werden. Geschieht dies massiv, verursacht es schon per se einen Kursverfall. Danach werden die geliehenen Aktien zum billigern Kurs zurückgekauft.
Während in den ersten acht Monaten 2008 die Hedgefonds insgesamt Verluste von 3,55% machten, haben Leerverkäufe ein Plus von 10% gemacht.[27]
Man könnte nun argumentieren, dass die Spekulation auf fallende Preise gut und nützlich sei. Das Problem ist allerdings, dass die Spekulation auf fallende Preise sich ebenfalls von den Realdaten ablöst und zu einem Überschießen der Preissenkung führt. Dies führt dann zu Verlusten auf der Angebotsseite, d.h. vor allem den Produzenten, quasi das Gegenteil einer Blase, eine Delle.
Das Überschießen nach unten hat für den Untergang der großen Investmentbanken (Lehmann, Merill Lynch etc.) eine Rolle gespielt, weil Hedge Funds, nachdem sie die ersten Schwierigkeiten der Banken erkannt hatten, auf den Fall von deren Aktienkursen spekulierten. Das hat den Kursverfall verstärkt und beschleunigt, sodass sich die Aufsichtsbehörden Großbritanniens und die USA zum Verbot von Leerverkäufen entschlossen.
Das funktioniert nicht auf Dauer und wird Spekulanten wiederum dazu anreizen, wieder auf steigenden Preise zu spekulieren. Dieses Wechselspiel von Ungleichgewichte und Verzerrungen, die Volatilität und Instabilität ist nicht nur der Nährboden, auf dem Spekulation erst gedeiht, sondern Spekulation vergrößert und übertreibt die ohnehin schon vorhandenen Faktoren der Unsicherheit. Leerverkäufe sind daher Teil des Gesamtproblems. Deshalb ist Spekulation - auf fallende wie auf steigende Preise - eine Preisverzerrung. Sie verstärkt Instabilität, verursacht zusätzliche Kosten, d.h. sie macht Märkte damit ineffizienter und führt periodisch zur Blasenbildung. Deshalb sind Politiken gegen die Spekulation gefordert, erst recht in Fällen, wo sie zu existentiellen Notlagen von Millionen von Menschen in den Entwicklungsländern beiträgt.

Alternativen
Die Bildung von spekulativen Blasen bei Nahrungsmittelpreisen lässt sich technisch relativ einfach durch die Kombination zweier Maßnahmen verhindern:
a. die Einführung eines Handelsregisters an den Börsen,
b. und eine entsprechende Regulierung der zugelassenen Händler.
In dem Register müssten sich all jene Akteure, die mit Nahrungsmitteln auf Spot- oder den Derivatemärkten Handel treiben, registrieren lassen. Zugelassen würden nur solche Händler, die Hedging ermöglichen, den Markt kennen und der Börsenaufsicht unterliegen. Hedgefonds und andere spekulative Geschäftsmodelle bekämen keine Zulassung. Hochspekulative Geschäfte wie Leerverkäufe, Handel mit OTC Derivaten und Indexderivate wären zu unterbinden.
Damit würde Spekulation auf ihre Versicherungsfunktion (hedging) für Verkäufer und Käufer beschränkt und der Bildung von Spekulationsblasen vorgebeugt. Entscheidend für die Realisierung ist der politische Wille. Die Chancen dafür stehen keineswegs in den Sternen. Der gegenwärtige Crash hat die Finanzmärkte in einer Weise erschüttert, dass der Kasino-Kapitalismus, wie er sich seit Ende des Bretton Woods Systems herausgebildet hat, diskreditiert ist wie nie zuvor. Weitgehende politische Regulierungen, vor allem von den USA ausgehend, sind zu erwarten.
Für die Zivilgesellschaft und insbesondere die entwicklungspolitische Community bietet sich eine einmalige Gelegenheit, dazu einen Beitrag zu leisten, indem sie entsprechenden politischen Druck entfaltet und Vorschläge für eine entwicklungsfreundliche Umstrukturierung des Finanzsystems unterbreitet. Dabei sollte sie sich nicht damit bescheiden, nur marktkonforme Reformen vorzuschlagen. Der Crash des Finanzmarktkapitalismus, wie er sich nach Bretton Woods krebsartig über den Globus verbreitet hat, erfordert eine weitergehende Antwort. Die Ideologie, die Märkte könnten sich am besten selbst regulieren, hat sich endgültig vor der Geschichte blamiert. Es kann jetzt nicht mehr darum gehen, das Kasino sicherer für die Spieler zu machen, sondern nur noch darum, es zu schließen.

Berlin, 19. September 2008


[1] Interview in: stern.de - 11.7.2008. www.stern.de/wirtschaft/finanzen-versicherung/626491.html ^

[2] FAO Food Price Index; www.fao.org/docrep/010/ai470e/ai470e07.htm. Angaben vom 12.9.2007 ^

[3] FAO. Crop prospects and food situation. April 2008. Rom ^

[4] United Sates Department for Agriculture. Economic Research Service. A Global Agricultural Supply and Demand: Factors Contributing to the Recent Increase in Food Commodity Prices/ WRS-0801. May 2008. S. 25 ^

[5] World Bank (2008): Double Jeopardy: Responding to High Food and Fuel Prices. July 2, 2008. Memo der Weltbank an den G8 Gipfel in Hokkaido-Toyako, 2008 ^

[6] FAO 2008. Crop Prospects and Food Situation. www.fao.org/docrep/010/ai470e/ai470e02.htm. Angaben vom 12.9.2008 ^

[7] FAO. Food outlook. Juni 2008. Rom ^

[8] United Nations (2008). World Economic Situation and Prospects 2008: Update as of mid-2008. New York. ^

[9] World Bank (2008). World Development Report 2008. Agriculture for Development. Washington, DC. S. 41 ^

[10] Financial Times 19.9.2008 ^

[11] BMZ Factsheet. Steigende Nahrungsmittelpreise und ihre entwicklungspolitischen Auswirkungen. 22.4.2008 www.bmz.de/de/zentrales_downloadarchiv/Presse/fact_sheet_nahrungsmittelpreise_080421.pdf ^

[12] UNCTAD (2008): Addressing the global food crisis. Key trade, investment and commodity policies in ensuring sustainable food security and alleviating poverty. Geneva UNCTAD (2008): World Trade Report 2008. Geneva ^

[13] World Bank 2008: Double Jeopardy … a.a.O. S.2 ^

[14] International Monetary Fund (2008). Food and Fuel Prices—Recent Developments, Macroeconomic Impact, and Policy Responses. Prepared by the Fiscal Affairs, Policy Development and Review, and Research Departments (In consultation with other departments). Approved by Teresa Ter-Minassian, Mark Allen, and Simon Johnson. Washington ^

[15] Remarks of Commodity Futures Trading Commission (CFTC) Commissioner Michael V. Dunn before the Swiss Futures and Options Association’s, Bürgenstock Meeting Friday, September 5, 2008 ^

[16] CME (o.J.): An Introduction to Futures and Options. Chicago. S. 54 ^

[17] Moderne Futures sind standardisiert und werden öffentlich, d.h. an der Börse gehandelt und unterstehen damit der staatlichen Börsenaufsicht. Man kann den Vertrag aber auch frei gestalten und nicht öffentlich und ohne aufsichtsrechtliche Kontrolle tätigen. Ein solches Derivat bezeichnet man dann als Forward und das Verfahren heißt over the counter. ^

[18] Bei einem Kassageschäft erfolgt die Glattstellung, d.h. die Bezahlung spätestens nach drei Tagen. ^

[19] Strukturierte Produkte sind eine Form von Derivaten. Im Fall der CDOs handelt es sich um Kreditderivate. Damit werden Kredite, die eine Bank vergeben hat, verbrieft und handelbar gemacht. Das heißt das Kreditrisiko geht an den Käufer des Derivats über. In diesen Papieren wurden faule Hypothekenkredite, in den USA als Subprime Kredite bezeichnet, mit anderen Hypothekenkrediten kombiniert und weltweit vertrieben. ^

[20] 19. September 2008 ^

[21] UNCTAD (2008): World Trade Report. Geneva. S. 24 ^

[22] Es gibt zwei Typen von Derivatehandel: erstens über die Börse. Diese Derivate sind standardisiert, transparent und werden von der Aufsicht kontrolliert. Allerdings sind das nur ca. 10% aller Derivate. Die anderen werden nicht öffentlich gehandelt ("over the counter"), können völlig frei nach Belieben der Vertragspartner gestaltet werden und unterliegen keinerlei Kontrolle. ^

[23] Bank for International Settlement (2008): Amounts outstanding of over-the-counter (OTC) derivatives. www.bis.org/statistics/otcder/dt1920a.pdf. Geneva ^

[24] Financial Times Deutschland. 31.05.2008 ^

[25] United States Senate (2006). The role of market speculation in rising oil and gas prices: A need to put the cop back on the beat. Staff report prepared by the Permanent Subcommittee on Investigations of the Committee on Homeland Security and Governmental Affairs. Washington, DC. S. 2 ^

[26] TECSON, Weltmarktpreise für Rohöl; www.tecson.de/prohoel.htm, 16.9.2008 ^

[27] Credit Suisse/Tremont Hedgefonds Index. Benchmark Performance Summary www.hedgeindex.com/hedgeindex/de/default.aspx?cy=USD. 16.9.200 ^